Verfasst von: juliagoesweltwaerts | Januar 16, 2010

Grenzerfahrungen

Laos

Der Bus, das Taxi, das Flugzeug und ich bin da. Laos! Endlich wird mein Fernweh gestillt. Ein neues Stückchen Welt, was hier vor mir liegt und nur darauf wartet, erkundet zu werden. Ist dieses Land ein bisschen wie mein neues Zuhause im Osten? Ist Vientiane wie Ha Noi?

Fünf Tage Zeit um eine Antwort zu finden.

Es ist warm. In Ha Noi war es kalt. Der Taxifahrer spricht perfektes Englisch und kommentiert jeden Satz mit einem „Ah, I see“ und einem fröhlichen „hahaha“.

Der Lonely Planet bringt mich zu meiner Unterkunft- das Zimmer sieht zwar ein bisschen nach Gefängnis aus (Metallbett, ein Tisch, kleines Fenster mit Gitterstäben davor), aber es ist sauber und günstig und mehr als schlafen will ich hier drin sowieso nicht.

Am nächsten Morgen trete ich aus meiner Herberge, blinzele gegen die Sonne an, die ich schon vermisst hatte, da sie in Viet Nam dem Winter platz gemacht hatte.

Mein erster Blick fällt auf den Tempel gegenüber. Aber wie ich später merke ist es schwer, seinen Blick schweifen zu lassen, ohne dass mensch einen Tempel erblickt. Smoke-free Tempel natürlich, Laos scheint die Zigarettenindustrie zu bekämpfen, überall Plakate gegen die Blattmedizin.

Mein Gasthaus ist im Zentrum von Vientiane. Das heißt nicht viel. Denn Vientiane ist klein, ruhig und leer. Sehr erholsam, weil ich mir die ganze Stadt erlaufen kann.

Also laufe ich ziellos durch die breiten, von wenig Verkehr befahrenen Straßen, um alles auf mich wirken zu lassen: Touris, Tempel, Tuk-Tuks. Tuk-Tuks sind dreirädrige motorrosierte Fahrzeuge, die hier quasi als öffentliche Verkehrsmittel verkehren.

Darf ich auf die Gelände der Tempel? Ich versuch mein Glück und werde von den dort lebenden Mönchen mit einem Lächeln begrüßt. Bei Buddha bin ich also willkommen. Auch wenn alle Tempel ähnlich aussehen, kriege ich nicht genug davon mir die farbenfrohen Giebel anzusehen, die großen goldenen Statuen, die Drachenköpfe, die die Eingänge bewachen, die orangenen Baumwollsachen der Mönche, die zum Trocknen über den Bäumen hängen.

Das hier ist wie im Buch… Denke ich vor allem, als ich meinen ersten überdimensionalen schlafenden Buddha sehe. Einen Tag habe ich mich in den Bus gesetzt, der genauso überfüllt wie in Vietnam, um zum Buddha-Park zu fahren. Eine Rasenfläche am Ufer des Mekongs, auf der unzählige Steinfiguren stehen und eine Religion widerspiegeln, über die ich viel zu wenig weiß…

Fast häufiger als die Steinfiguren sind die deutschen Touristen. Warum sind überall, wo ich hingehe, deutsche Touristen? Wie froh ich bin, dass die ganzen anderen Reisenden vom Rest der Welt kein Deutsch sprechen und somit nicht mit anhören müssen, was die Deutschen von sich geben.

Ein Pärchen steht vor einer riesigen Kugel, die begehbar ist und in der weitere zahlreiche Buddhas sind. Er: „Ja… schon witzig, ne?“ Sie: „Ja… schon schön…“. Drehen sich um und gesellen sich zu ihrer Gruppe, in der eine Frau gerade den Reiseleiter zuschwallt über Heuschreckenplagen in Afrika, nach dem dieser von einer buddhistischen Legende über eine Heuschrecke erzählt hatte. Nein, ich gehöre nicht dazu…

In den nächsten Tagen besuche ich noch den ältesten Tempel Vientianes (Eintritt für Laot/-innen frei, alle anderen 10.000 Kip), das Museum zur Nationalen Geschichte (an die Wand geklatschte Schwarz-Weiß-Kopien, auf der sehr viel über die „US-Imperialists“ und ihre Soldaten, ihre „Puppets“ steht), das Revolutionsdenkmal und das Wahrzeichen Laos´: Der goldene Stupa. Nein, hier gibt es kein goldenes Studierendenparlament- ein Stupa ist eine buddhistische Grabstätte.

Einen Tag gerate ich durch Zufall auch noch in eine Wohngegend und hier wird offensichtlich, was sich mir in den letzten Tages schon aufgedrängt hatte: Das Wirtschaftswachstum ist hier längst nicht so groß wie die 8% in Viet Nam. Die Armut zeigt sich in einfach zusammen gehämmerten Holzhütten und unbefestigten Straßen. Trotzdem lächeln die Menschen mich an, ich bin wohl eine der wenigen Westler, die sich hierher verirrt.

So gehe ich am Mekong entlang, vorbei an Straßen- und Verkehrsschildern, die auf Laotisch und Französisch beschriftet sind, alte Überreste der Kolonialzeit. Und ich blicke hinüber zum anderen Flussufer, wo Thailands Bäume gen Himmel wachsen und ich denke: „Übermorgen bin ich in Thailand!“.

 

Viet Nam

 

Eine Nacht habe ich Ha Noi, zwischen Laos und Thailand. Die Nacht vom 23.12. auf den 24.12. ist warm. So mache ich mich bei 20 Grad auf den Weg, die Weihnachtsgeschenke für meine Thailandmitreisenden so kurzfristig zu kaufen, wie ich es vorher noch nie geschafft habe. Doch ich kenne die Straßen des alten Viertels mittlerweile gut genug, um ohne Umwege von Laden zu Laden, von Geschenk zu Geschenk zu laufen und nach einer Stunde fertig zu sein.

Was fang ich jetzt noch mit diesem Abend an?

Vor der Kathedrale bleibe ich stehen und betrachte das unglaubliche Treiben um mich herum. Unzählige Vietnames/-innen pilgern an diesem Abend zu St. Joseph, um Weihnachten ihre Ehre zu erweisen. Der Vorplatz ist überfüllt von Menschen und Motorrädern, der Weihnachtsbaum ragt hoch über alle auf. Weihnachtsmusik liegt in der Luft? Woher kommt das „joy to the world“? Ich folge den Stimmen und lande auf einem Weihnachtskonzert, einem kleinen aber feinen, sehr vietnamesischen Weihnachtskonzert. Mit Trockeneis, Technobeats unter „Mary´s Boy Child“ und kitschigen Lichtern überall.

Weihnachtsstimmung überfällt mich und ich bleibe dort und höre zu, bis das Krippenspiel auf vietnamesisch beginnt.

Ich schaue mir die Krippe an, die gegenüber in einen taoistischen Tempel hineingebaut ist und gehe dann ins Bett.

Thailand

Am nächsten Morgen sammeln mich Frido und Stefan mit dem Taxi ein, beide verschlafen, aber beide mit Weihnachtsmannmützen auf dem Kopf und „Santa Clause is coming to town“ auf den Lippen. Am Westsee stoßen auch noch Julia, Judith und Amelie zu uns und los geht es zum Flughafen. Es ist der 24.12. und am Flughafen äußert sich das in Weihnachtsmusik, die über die Gänge schallt. Auch im Flugzeug läuft Weihnachtsmusik. Ansonsten scheint es Asien egal zu sein, dass Jesus heute vor 2009 Jahren geboren wurde.

Weder in Bangkok, noch auf der Busfahrt zu unserem Ziel, der Insel Koh Chang, sehen wir Weihnachtsmänner, Elche, Engel oder sonstige Hinweise, dass heute ein besonderer Tag ist. Die einzigen rot-weißen Flecken sind weiterhin Fridos und Stefans Weihnachtsmannmützen.

Der 24.12. besteht für mich darin, dass ich das erste Mal seit vier Monaten ein Shoppincenter sehe, ein McDonald´s und eine Straße, auf der mehr Autos als Motorräder fahren.

Wir fahren an diesem Tag außerdem 7 Stunden Bus, um dann eine Nacht in der Hafenstadt Trad übernachten und abends mit thailändischem Bier anstoßen. Die Fähre fährt erst am nächsten Morgen.

Doch der lange Weg hat sich gelohnt, auch wenn ich zwischendurch an die Toten Hosen denken mussten- „ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dorthin so schwierig ist“. Aber der weiße, vor allem touristenfreie, Sandstrand, das türkisblaue Wasser, die Palmen, die von Regenwäldern bedeckten Berge entschädigen dafür.

Entspannung pur. Schwimmen gehen im warmen salzigen Wasser, nur unterbrochen vom großartigen thailändischen Essen. In Zweierbungalows schlafen wir abends so gut wie schon lange nicht mehr.

Sommer, Sonne, Sonnenschein zu Weihnachten- ein Wunsch ist in Erfüllung gegangen.

Ein paar andere Backpacker sind auch an unserem Strand in den Bungalows und ein paar Thais, die hier arbeiten. Wiederum etwas, das ich seit vier Monaten nicht gesehen habe: Asiatische Menschen mit Tattoos, Piercings und langen Haaren. Lang lebe die Individualität! Gut Gitarre spielen können sie auch, die Musik begleitet fast jeden Abend den Sonnenuntergang.

Mit neu gewonner Energie und schweren Herzens verabschieden wir uns nach wenigen Tagen von Koh Chang in Richtung Bangkok, in Richtung Jahr 2010.

Bangkok ist… eine Großstadt. Und Julia ist glücklich und die anderen sagen nur: „Ah, schon klar, das Großstadtkind hat ihre Großstadt vermisst“. Damit haben sie Recht. Anders kann ich mir mein Glücksgefühl beim Anblick eines Fahrkartenautomaten nicht erklären.

Bangkok ist aber nicht nur eine Großstadt, Bangkok ist eine sehr stark westlich geprägte, mulikulturelle Großstadt. Die Skytrain, die Shopping Center, die Wolkenkratzer, die modisch gekleideten Jugendlichen.

Doch Asien ist hier noch nicht verloren, immer noch prägen Tempel das Stadtbild, Straßenimbisse und Märkte gehören auch zum Straßenleben. Zwischen diesem Clash Chinatown und Little Arabia, die wiederum ihr ganz eigenes Universum sind.

Wir arbeiten das gröbste Touriprogramm gleich am ersten Tag ab- Bootsfahrt, der Königspalast (es ist unglaublich, überdimensionale Bilder vom König und der Königin, sind wirklich überall an den Straßenrändern zu finden), Wat Pho mit seinem riesigen, schlafendem, goldenen Buddha. Abends die Khao San Road, die Straße, in der 80% der Touristen schlafen, einkaufen und vor allem feiern. Die andere Julia und ich finden durch Zufall eine Bar, in der Kim, ein in New-York-geborener Musik mit asiatischen Eltern und einer wunderbaren Stimme, Gitarre spielt. Das erste Mal gute Musik, das erste Mal Livemusik seit August.

Dann ist Silvester da und wir entscheiden uns, zur großen Countdownparty am Siam-Square zu gehen. Wir erwarten eine große, fröhliche Party mit viel Feuerwerk. Hm…

Also zunächst mal zählen die Thais um uns rum den Countdown auf thailändisch, so dass wir nichts verstehen und 2010 ein bisschen überraschend kommt. Dann gibt es zwei Raketen und alle strömen zurück zur Skytrain. Das war´s. Das war´s?

Wir versuchen unser Glück auf der Khao San Road doch irgendwie… Silvester in Bangkok, weniger spektakulär als erwartet.

Die nächsten Tage lassen wir ruhig angehen, gehen einkaufen, entspannen im Park, verbringen Stunden in einem englischen Buchladen.

Ich hab Bangkok in mein Herz geschlossen und weiß, dass ich hier nicht zum letzten Mal war.

Vietnam

 

Zurück in der Heimat, zurück in der Kälte (12 Grad fühlen sich gleich viel kälter an, wenn es nicht nur draußen, sondern auch in deinem Zimmer 12 Grad sind).

Bevor ich aber wieder nach Viet Tri fuhr, ging es noch für eine Woche nach Giao Xuan. Ein Ort im Nirgendwo, 100 km südlich von Ha Noi, in der unser Halbzeitseminar stattfand.

Dieses Gefühl, auf der mid-term-evaluation zu sitzen… krass. Auch wenn es noch nicht ganz die Hälfte der Zeit war- krass.

Irgendwo im Nirgendwo traf sich also unsere Selbsthilfegruppe und sprach Stunde um Stunde über unsere Probleme in den Projekten (ich verweise hier auf Fridos Blog) und wenn wir das nicht taten, spielten wir Billard.

Da meine Probleme in Viet Tri nicht gerade groß oder zahlreich sind, habe ich mich eher gelangweilt, aber ab und zu hörte ich dann doch auf, wenn die ein oder andere neue Schreckensnachricht mich erreichte.

Es ist schon krass, dass der Boss von VPV Frauen in Sitzungen nicht direkt antwortet, sondern sich an einen männlichen Kollegen wendet.

Noch mehr Neuigkeiten gab es, als wir wieder zurück in Ha Noi waren.

Ein paar von euch haben vielleicht den Artikel in der Berliner Zeitung gelesen- die Wirtschaftskrise hat auch Viet Nam erreicht, jetzt ist die Zeit der Hardliner in der Kommunistischen Partei gekommen. Facebook und andere Internetseiten wurden gesperrt, staatliche Preiskontrollen sind im Gespräch, die Präsenz der Polizei auf der Straße ist drastisch gestiegen. Die Preise der Visa haben sich verdreifacht. Alle Telefonnummern müssen registriert werden.

Am Anfang hat mir das meine Rückkehr aus dem Urlaub etwas vermiest, aber jetzt bin ich schon wieder guter Dinge, da ich mich gefreut hab, meine Schüler/-innen und Freund/-innen wieder zu sehen und andersherum auch.

Thoa ist schwanger und nächste Woche bekomme ich zwei neue deutsche Mitbewohner, die für ein Jahr bleiben.

Meine nächste Reise für Februar ist schon in Planung und ich habe einen vietnamesischen Freiwilligen kennen gelernt, der mich in den nächsten Wochen mit zu seiner Gruppe nehmen will, so dass ich dort an den Wochenenden vielleicht ein wenig mitarbeiten kann.

Auf jede schlechte Nachricht folgt auch eine gute.

Und der August rückt gefühlt viel zu schnell näher…


Antworten

  1. Julia, ich liebe deine Reiseberichte.

    Endlich habe ich mal Zeit und Ruhe gefunden, deinen Mammuteintrag ausgiebig zu genießen und fühle mich, als wäre ich dabeigewesen. Ja, ich übertreibe. Aber du schilderst das alles so schön, dass ich mich da richtig gut hineinfühlen kann und viele bunte Bilder von buddhistischen Tempeln und zwei Raketen in Bangkok vor meinem inneren Auge im Takt des New-Yorker asiatischstämmigen Musikers umhertanzen.
    Gerade sitze ich in der philologischen Bibliothek der FU, um mich herum tausende von Büchern die es mich reizt zu lesen, doch fiel meine Wahl auf deinen Blog. Fühle dich geehrt ;) vielleicht verstecke ich ja mal einen Ausdruck deines Blogs hier zwischen den Regalen… na mal sehen.
    Das nächste Mal soll ich mensch also ein Foto eines Fahrkartenautomaten statt schnöder Ansichtskarten schicken, ja? ;)

    Und wieder einmal hat sich bewahrheitet, dass Weihnachten und Konsum untrennbar miteinander verstrickt sind in unser aller Gedankengut – du schreibst von Weihnachten und ich lese von Fastfoodketten. Ach Julia ;)
    Welches deiner Reiseziele hat dich eigentlich bisher am Meisten beglückt? Waren es die Grenzregionen, die Orte der Ruhe und zewitweiligen Abgeschiedenheit, die Stätten der Spiritualität und der gaffenden Touristen oder doch das brüllende Bangkok?

    Ich freue mich auf viele schöne weitere Beiträge.
    Herzliche Grüße aus “the brain”, wie die Philologische Bibliothek aufgrund ihrer Architektur auch genannt wird.

    Bernd

    • Ich fuehle mich geehrt, vor allem davon, dass du auch noch dein Schreibtalent an mich verschwendest.
      Mein schoenstes Reiseziel bis jetzt? Schwer zu sagen… Sa Pa, glaube ich. Aber alles hat seine guten Seiten, wie du es schon beschrieben hast.
      Liebe Gruesse aus dem Wohnzimmer, das wegen der vielen Computer auch Internetcafe genannt wird.

  2. Liebe Jule,

    ich kann mich Bernds Worten nur anschließen, vielen Dank für die tollen Reiseberichte.

    Da bist du ja ganz schön rumgekommen über Weihnachten und Sylvester, während unsereins im kalten Berlin, 20 cm Schnee seit Wochen, und Temperaturen von maximal -5 Grad sich kaum vorstellen kann, wie sich die Wärme des Sommers so anfühlt. Deine Strandfotos lassen da schon ein wenig Sehnsucht aufkommen. Echt witzig, dass du es am Weihnachtstag auch ins warme Wasser geschafft hast, von Atze habe ich auch was von einem weihnachtlichen Bad vernommen. Bin mit meinen Gedanken gerade halb im Senegal und halb bei dir=)

    Wie es mir so geht, erfährst du bald per Mail!
    Bis dahin sei lieb gegrüßt, bleib weiter so untouristisch (!!^^) und habe Spaß mit deinen Schülern=)

    Valli=)

  3. Danke für den schönen Reisebericht – und glaub mir, Facebook ist derzeit eh wieder am out werden! ;)

    Grüße auch von Laura, wir freuen uns, dass es dir so gut geht!
    :) Dein Georg


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