Verfasst von: juliagoesweltwaerts | Februar 7, 2010

Halbzeitpause

Nachdem ich Viet Nam über Weihnachten und Neujahr verlassen hatte, folgten in der letzten Zeit ein paar sehr vietnamesische Wochen. Vor allem, weil ich mich an den Wochenenden gegen Ha Noi und für Viet Tri und einen Ausflug nach Thai Nguyen mit einer vietnamesischen Freiwilligengruppe entschieden habe.

Sissi kam mich übers Wochenende besuchen und zusammen erkundeten wir auf dem Motorrad (das ich gefahren habe!) Viet Tri. Ihr hat meine Stadt genauso gut gefallen wie Julia Nr. 2, die Sissi abgelöst hat und mich auch einmal in meiner natürlichem Umgebung beobachten wollten.

Das zweite Wochenende in Folge habe ich dann ohne Besuch, dafür mit meiner dänischen Mitbewohnerin und einigen Einladungen verbracht. Das Wochenende, das eigentlich entspannend sein sollte, weil ich mir eine Erkältung eingefangen hatte, wurde alles andere als das und begann mit einem kleinen Schock am Donnerstagabend.

Die Bibliothekarin von Annas Schule hatte uns zu sich nach Hause eingeladen, um uns mit Obst und Süßigkeiten zu verwöhnen. Da sie aber kein Wort Englisch spricht (was ihrer Freundlichkeit aber keinen Abbruch tat), verbrachten wir den Abend im Gespräch mit ihren Söhnen. Das Gespräch verlief gewöhnlich, bis ich das erste Mal mein Vorbereitungsseminar in Deutschland anwenden musste: „ I like Hitler.“ Okay, was hattest du gelernt? Ruhig bleiben, Gründe erfragen, argumentieren. Diese Taktik hat sich auch bewährt, denn ein, zwei Nachfragen haben gereicht, um festzustellen, dass er keine Ahnung hatte und das mehr eine leere Phrase als eine Meinung war. Noch bizarrer wurde das ganze, als er Ho Chi Minh und Hitler miteinander gleichsetzen wollte. Nun gut, Themenwechsel leicht gemacht und schon sprachen wieder über sein Studium in Singapur.

Nach einem Dinner mit Flaschendrehen und Reiswein bei ein paar Freunden am Freitagabend, wurde ich spontan von Co Yen zu einer Hochzeit vom kleinen Bruder des alten Freundes ihres Ehemanns eingeladen. Eigentlich wollte ich nur einen Kaffee mit ihr trinken gehen, um ein paar Fragen zu klären, aber bei der Möglichkeit wollte ich natürlich nicht nein sagen.

So holte sie mich mit ihrem großen Auto am Nachmittag ab und wir fuhren einige Kilometer, bis wir wegen dem tagelangem Regen in Kombination mit den unbefestigten Straßen des Dorfes nicht mehr weiter kamen. Wechsel zum Motorrad und mit sehr viel Rutschen schafften wir es dann doch zur Hochzeit, wo mich wie immer eine Menge interessierter Vietnamesen/-innen, viel Essen und viel Reiswein erwarteten. Aber Co Yen, ganz um mich besorgt, pickte das Fleisch aus meiner Schüssel und schüttete heimlich den Reiswein aus meiner Tasse auf den Boden, so dass ich als Vegetarierin und nicht betrunken, dafür beschenkt mit Grapefruits, für die die Gegend der Hochzeit bekannt ist, nach Hause kehrte. Auch noch im Gepäck waren vier Konzertkarten, die mir Co Yen in die Hand drückte und sagte: „Für morgen Abend, ladt ein paar vietnamesische Freunde ein!“.

Was sich etwas schwierig gestaltete, weil die eine Hälfte krank war und die anderen nicht durften (strenge Eltern…). Schließlich fanden Anna und ich dann aber noch zwei Leute, die weder einen Virus noch strenge Eltern hatten.

Das Konzert, dar geboten von einer Gruppe von 10 Sänger/-innen und Tänzer/-innen, begann mit einem Lied für Onkel Ho und einem großartigen Tanz mit Gewehr und Friedenstaube. Hier scheint das kein Widerspruch zu sein…

Setzte sich fort mit klassichen vietnamesischen Tänzen und Gesang- Anna und ich waren begeistert, unsere vietnamesische Begleitung ist fast vor Langeweile eingeschlafen. Aber bei einem traditionell deutschem Konzert wär es mir wahrscheinlich ähnlich ergangen.

Ein paar Tage Arbeit später und schon stand das nächste Wochenende an. Von einer zufälligen Busbekanntschaft, mit der ich den Kontakt gehalten hatte, um meinen vietnamesischen Freundeskreis auf eine Größe zu erweitern, die den Namen Freundeskreis auch verdient, wurde ich eingeladen, mit einer vietnamesischen Freiwilligenorganisation in das von Ha Noi drei Stunden entfernte Thai Nguyen zu fahren.

Am Freitagabend fand ich mich in einem Bus mit 40 Student/-innen und einer Menge an Spenden wieder, die an diesem Wochenende an die ärmsten Einwohner der Region verteilt werden sollten.

Es kam ein bisschen Bundeskongressgefühl auf, als wir uns in einer Schule zum Schlafen einrichteten. Schlaf wurde an diesem Wochenende auf einem Holzgestell, geteilt mit 20 anderen Mädchen zur Rarität, der Tag begann nämlich auch um eine vietnamesische Uhrzeit- um sechs Uhr morgens. Was war die größte Leistung am Samstag?

Viermal an einem Tag Reis zu essen und es nicht über zu sein? 10 km durch Gebirgsbäche zu wandern? 50 Kinder beschäftigen, die kein Wort Englisch sprechen?

Alles war auf jeden Fall wunderbar!

Vor allem, weil ich das Gefühl hatte, in dem Viet Nam zu sein, das vor meiner Abreise aus Deutschland in meinem Kopf existierte. Die sanften Bergeketten, bedeckt mit satt grünen Wäldern, durchzogen von Tee- und Reisterrassen. Kinder, die barfuß mit selbstgebasteltem Spielzeug auf der Straße spielten, währen die Mutter im Fluss die Kleidung wäscht und der Vater den Ochsenkarren über das Feld zieht.

Das war eine ganz andere Seite von Viet Nam, als ich sie bereits kennen gelernt hatte- eine einfache, leider auch oft zu ärmliche Art zu leben. Zwar naturverbunden und autark. Aber die Großmütter beklagten sich über Krankheiten, die sie tagtäglich plagten und gegen die sie keine Medizin hatten, die Kinder können nicht immer zur Schule und wenn sie gehen, gehen sie bis zu fünf km bis sie im Klassenraum ankommen.

Wir mussten diese Strecke nur einmal hin- und zurücklaufen. Da es die Woche vorher so gut wie durchgängig geregnet hatte, waren die Straßen schlammig, wenn nicht gar von klarem, kaltem Wasser überflutet, so dass meine Schuhe bald nass waren und ich ohne sie weiter ging.

Die Häuser der Familien, die wir besuchten, waren das Gegenteil von den Disney-Bauten in Viet Tri: Einfach aus Lehm, Holz und Wellblech zusammen gezimmerte Hütten, in denen drei Generationen in einem Bett schliefen. Ihnen Essen und Kleidung zu bringen war für mich eine neue und vor allem nützlich erscheinende, da direkt helfende, Art der Freiwilligenarbeit.

Am Nachmittag bereitete die eine Hälfte unserer Freiwilligengruppe das abendliche Konzert für das Dorf vor, während die anderen mit den Kinder spielten.

Ich stand ein wenig nutzlos rum, bis ich anfing, mit den Kinder um mich herum zu singen und zu tanzen. Es war egal, dass ich nur wenige Worte ihrer Sprache konnte und sie nur „hello“ in Englisch- wir haben uns irgendwie verständigt und schon hatte ich einen Haufen neuer kleiner Freundinnen, die ich irgendwie vermisse…

Das Konzert abends war auch ein voller Erfolg, den ich mit meinen neuen Freundinnen an der Hand als Zuschauerin begleitete.

Ein kleines Konzert gab es auch nach dem Aufräumen- alle im Kreis, Gitarre raus. In dem Moment dachte ich, ich könnte gerade genauso gut in Deutschland sein. Nur dass wir Reiswein statt Bier tranken und auf Reisstrohmatten statt Decken saßen- ansonsten verschwammen in diesem Moment die kulturellen Unterschiede.

Für mich war es erstaunlich, wie anders (westlicher?) Student/-innen aus Ha Noi zu denen in Viet Tri sind- sie sind Westler gewöhnt, ich bin das erste Mal seit langem in einer Gruppe „unter gegangen“, sie sprechen freimütig von Ex-Freunden und tragen in unserem Sinne modisch zusammen passende Kleidung.

Die Offenheit, die Vietnames/-innen auszeichnet, besaßen sie aber auch, so dass ich Einladungen für die Tet-Feiertage entgegen nehmen konnte.

Sonntag, natürlich wieder um sechs aufgestanden, ging es in eine andere Schule, um wiederum mit den Kindern zu singen, zu tanzen und Süßigkeiten zu essen.

Einige andere reparierten in der selben Zeit das Haus einer Familie, nicht weit weg von der Schule, damit der kalte Wind des Winters nicht mehr so leicht durch die Löcher in den Wänden dringen konnte.

Der Abschied war überraschend traurig. Die Lehrerinnen, die sich das Wochenende über um uns gekümmert hatten, konnten die Tränen nicht zurück halten, da sie meinten, die Kinder seien noch nie so glücklich gewesen.

Das ist wirkliche Freiwilligenarbeit!? Nach dem Wochenende musste ich mich erst einmal wieder daran erinnern, dass meine ganze Arbeit unter der Woche ja auch Freiwilligenarbeit ist.

Das nächste Wochenende geht es für mich Richtung Süden nach Hoi An. Es sind jetzt zwei Wochen Ferien, weil Tet, Neujahr nach dem Mondkalender und das wichtigste Fest in Viet Nam, ist.

Die werde ich dann hoffentlich auch größtenteils in Viet Tri verbringen mit noch mehr vietnamesischen Erlebnissen.

Denn jetzt ist Halbzeit, jetzt sind sechs Monate um, ab jetzt läuft die Uhr rückwärts und ich weiß im Moment nur, dass ich mich auf die nächsten sechs Monate freue, dass ich meine Zeit hier weiter genießen werde, weil ich mich hier zu Hause fühle, trotz aller Zwischenfälle, die einem nur als Tay passieren können.

Ich lerne immer mehr über das Land, blicke viel mehr unter die Oberfläche. Sehe da, dass nicht alles perfekt ist, nicht alles nur glücklich und gut gelaunt. Doch gerade das macht Viet Nam nur noch interessanter.

Z.B. die Ehen. Die Scheidungsrate liegt bei um die 5%, scheint hier doch ein wunderbares Familienleben zu geben. Nach ein paar Monaten weiß ich nun, dass es daran liegt, dass es gesellschaftlich akzpetiert ist, dass der Mann so viel fremd gehen kann, wie er will.

Die Frau nicht. Wobei wir dann auch wieder an dem Punkt sind, dass die anfangs von mir als positiv beschriebene Gleichberechtigung doch noch nicht überall so weit ist.

Die Kinder müssen nicht für ihre Schulbildung bezahlen- sowie es auf die Uni geht, sieht es anders aus, hier tritt eine gesellschaftliche Schere zu tage.

Es gibt auch Privatschulen, auf der die Kinder der reichen Eltern bessere Abschlüsse erreichen, als auf den staatlichen Schulen.

Trotz Nationalhymnengesang und Fahnen überall in den Straßen, möchte kaum ein Vietnames zugeben, sein Land wirklich zu mögen.

Diese ganzen Widersprüche machen mich neugierig auf meine zweite Hälfte in Onkel Hos Reich.

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Responses

  1. Hallo Julia,

    während du immer weiter rumkommst, sitze ich immer noch in Berlin und muss mir erzählen lassen, dass ich typischerweise in der vorlesungsfreien Zeit mehr zu tun haben werde als zuvor. Bei drei Hausarbeiten ist das ja auch kein Wunder. Während der Klausurphase hat sich das bestätigt, was ich schon befürchtete – von der Schule in die Schule. Listen schreiebn, auswendig lernen, auskotzen, vergessen. Ein Bisschen was versuche ich mir durch nachträgliche Lektüre noch zu behalten, aber es fällt schwer Klausurstoff noch als sexy zu betrachten. Ich hab in der Klausurzeit weniger für die Uni gemacht als zuvor – es stimmt also was sie uns erzählen von extrinsischer Motivation (von außen, Zwang) und intrinsischer (von innen heraus, Lust).
    Gerade sitze ich im Foyer des besetzten Hörsaals 1a, das nach drei Monaten und zwei Tagen immer noch nicht geräumt ist. Ich habe hier übernachtet (natürlich mit Kamera aus dem Offenen Kanal :p), weil ich fest damit rechnete, dass hier des Morgens geräumt wird, wenn die meisten BesetzerInnen auf dem Weg nach Dresden sind, um ihre Meinung zum Naziaufmarsch kundzutun.
    Derweil wird hier entweder geschlafen oder gegrübelt, wann es denn jetzt so weit ist. Seit drei Tagen ist die Duldung nun schon abgelaufen – will sich das Präsidium nicht die Blöße und den Medienrummel geben? Welches Präsidium überhaupt? Niemand traut sich zu entscheiden, weil wir immo keinen Präsidenten haben. Es wird also nur hin-und hertaktiert, in der Hoffnung, dass die überaus amüierten Besetzer irgendwann die Nerven oder die Lust verlieren. Ich werd noch ein paar Interviews führen und mich dann auf den Heimweg begeben. Liebe Grüße aus dem Freiraum, einem der / dem letzten in Deutschland.

    Bernd, der im Moment nicht weiß, worüber sich ein Student eigentlich definiert.


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