Verfasst von: juliagoesweltwaerts | Februar 28, 2010

„Frohes neues Jahr“, die Zweite

 

Das Jahr endete vor allem mit einem: Visastress. Endete? Genau, endete. Nein, ich habe nicht vergessen von Gegebenheiten von vor zwei Monaten zu berichten, auch wenn euch die Schauplätze der folgenden Geschichte bekannt vorkommen dürften.

Am 13. Februar endete das Jahr nach dem Mondkalender und machte dem neuen Jahr, dem Jahr des Tigers, Platz. Das heißt vor allem erstmal Urlaub. Für uns Freiwillige, aber auch für die Mitarbeiter von VPV, wofür es für uns keinen schlechteren Zeitpunkt hätte geben können- fast pünktlich zum neuen Jahr, am 19.2., lief unser Visum ab. Und eine einfache Verlängerung stellte sich nach längeren Nachforschungen und ein paar lustigen Tagen auf Entdeckungstour durch das Ministerium für Immigration als nicht so einfach wie gedacht heraus. Unsere Organisation, die es eigentlich für uns verlängern müsste, ist dafür vom Staat nicht berechtigt. Also hatten wir die Wahl. 350 Dollar für ein neues Visum + in Viet Nam bleiben, oder einen Abstecher ins Ausland machen und ein neues Visum für ein fünftel dieses Preises bekommen.

Am 10. machten Sissi und ich nun auf den Weg nach Bangkok. Für einen tag. Was muss, das muss und Bangkok ist mit Abstand der billigste Flug. Wirklich entspannt war der Kurzurlaub auch nicht, weil wir noch um ein Schreiben, das wir zur Einreise brauchten, bangen mussten und Passfotos brauchten. Beides kam rechtzeitig, wir haben mal wieder einen tag westliches Stadtkind gespielt, was diesmal allerdings schon nicht mehr so berrauschend war wie noch einige Wochen vorher und rutschten am Ende wieder in eine Krise, als kein Drucker auf der Touristenstraße Bangkoks das format unseres Briefes erkennen und drucken wollte.

Aber Viet Nam wäre nicht unser geliebtes Viet Nam, wenn die Flughafenvisumsbeamten das mit dem Drucken nicht so ernst genommen hätten. Das Schreiben auf meinem Laptop genügte und wir bekamen unser langersehntes Visum in den Pass geklebt. Alles gut gegangen, bis zum nächsten Mal im Mai, denn mehr als drei Monate Visumsgültigkeit waren nicht drin…

Vor Bangkok hatte ich meine Ferien aber auch schon genutzt und war mit Nanna und Sofie nach Hoi An gefahren, eine kleine Stadt im zentralen Viet Nam, bei der mensch vor lauter Touristen die Schönheit des Fischerdorfes fast nicht mehr sieht.

Wir fuhren mit dem Nachtzug und so hatten wir als wir am Morgen aufwachten, eine ganz andere Landschaft vor Augen, als wir sie sahen, bevor wir die Augen geschlossen hatten. Das Grün der Reisfelder noch grüner, die berge schroffer, das Meer , der Strand.

Das Vietnamesisch anders, die Menschen auch ein klein wenig (rauchende Frauen!).

Einmal durch Da Nang durch, was mir von zwei anderen Freiwilligen als hässlichste Stadt überhaupt beschrieben wurde, sich aber als große und schöne Hafenstadt herausstellte, in den Bus, ein wenig laufen, ins Hotel, was uns gleich mit seinem Balkon überzeugte, auf dem wir uns abends mit Musik, Obst und Bier gut einrichteten.

Geschockt waren wir nur, weil wir jetzt jenseits des Wolkenpasses, der Wettergrenze zwischen tropisch und subtropisch waren, von der Hitze, die böse Vorahnungen auf den Sommer im Norden entstehen ließ.

Den ersten Tag verbrachten wir damit, uns mit der Umgebung vertraut zu machen, was in Hoi An bedeutet: Schuhe und Kleider anschauen. Die Stadt ist eine einzige Einkaufstraße, bekannt durch die vielen Schneidereien, die dir für wenig Geld alles schneidern, was du willst.

Einmal durchgekämpft durch den Konsum erreicht man den kleinen Hafen, der zum Sitzen und Verweilen einlädt-

Kulturell gab es aber tatsächlich auch etwas zu tun, die Stadt hat trotz der alljährlichen Überflutungen viele Häuser zur Besichtigung zu bieten, die als besonders gelten, weil sie eine Mischung aus janpanischer, chinesische und vietnamesischer Baukunst sind. Früher Handelsort schlecht hin, war Hoi An Wohnsitz für viele Chinesen und Japaner, so dass die Stadt auch in zwei Viertel, das japanische und das chinesische, verbunden durch die japanische Brücke, geteilt ist. Daneben finden sich überall Tempel und mittelalterliche Versammlungshäuser. Wirklich schön, wenn nur die ganzen TouristInnen nicht wären…

Am nächsten Tag wollten wir raus aus der Stadt und dem Ruf unseres Reiseführers nach My Son und zu den Marmorbergen folgen.

Wir mieteten uns Motorräder und ohne Verfahren machten wir uns morgens um acht auf nach My Son, einer jahrhunderten alten Tempelanlage des Chamkönigreiches in den Bergen. Der Spitzname dieser Tempelanlage ist das Angkor Wat Viet Nams, was aber gnadenlos übertrieben ist, da von den Tempeln nicht mehr viel als ein paar Ruinen üborg sind. Die Landschaft, in die sie reingebaut sind, faszinierte uns aber und auch die Motorradfahrt an sich hat den Ausflug schon gelohnt.

Die Marmorberge, die wir danach besuchten, waren den Besuch aber ihretwegen wert. In einen Berg gebaute Tempel. Aussichtsplattformen und mit riesigen Marienstatuen geschmückte Grotten brachten bei uns Bewunderung und ein bisschen Indiana Jones Feeling, da die Gongklänge und die Gesänge der betenden Mönche in den Grotten unheimlig wieder hallten und der Rauch der Räucherstäbchen um uns her waberte.

Am nächsten Tag hieß es dann Abschied nehmen von Hoi An, aber auch von Nanna und Sofie, die sich weiter Richtung Süden aufmachte, während ich nach Bangkok musste.

Warum wir nicht länger in Bangkok geblieben sind? Nun, weder Sissi noch ich wollten die Tet-Feierlichkeiten zu Hause verpassen.

Am 13. abends begab ich unsere übliche Gruppe an Freiwilligen mit einem Zuwachs, meinem neuen Mitbewohner Christoph, der auch ein Jahr in Viet Tri bleiben wird und von dem ihr also bestimmt noch mehr lesen werdet, an den Hoan Kiem See in Ha Noi, um das groß angekündigte Feuerwerk zu sehen. Es war tatsächlich mehr als in Bangkok am 1.1. und das „Oh“ und „Ah“ der VietnamesInnen war unterhaltsam, doch einen Countdown gab es wieder nicht…

Nach dem Schauspiel begannen wir das neue Jahr mit Karaokesingen und der erste Tag opferte sich zum faulsten Tag, seid ich in Viet Nam war. Lesen, im Bett liegen, Film schauen, bevor Christoph und ich das erste Mal zusammen nach Viet Tri fuhren, wo der Einladungs- und Essmarathon begann.

Da an Tet alles geschlossen ist, wirklich alles, war es sehr hilfreich, das wir uns anderswo durchfressen konnten und massenweise Chung Kuchen (Tet Spezialität, Kleibreis in Bananenblättern egfüllt mit Bohnen und manchmal Fleisch) geschenkt bekamen, da wir nicht wussten, dass es unmöglich ist, in den Haupttagen von tet etwas zu essen zu kaufen.

Dass ausnahmslos jeder bei seiner Familie ist, zeigt den Stellenwert dieses Festes und erfüllt das Herz mit Freude, dass hier der Konsum ein paar Tage im Jahr komplett egal sist.

Eine Woche lang besucht jeder jeden und jede jede, Familie, FreundInnen, NachabrInne3n, LehrerInnen.

Da mein Geburtstag auf den dritten Tet-Tag fiel, wurde auch unser Haus eines abends von einer kleinen Gruppe aufgesucht und ich hatte eine sehr schöne und vor allem vietnamesische Geburtstagsparty.

Als Tet vorbei war, hatte ich neue FreundInnen, eine Oma, die mich als ihre Enkeltochter symbolisch adoptierte, eine neue Schülerin für meinen abendlichen Unterricht und die Erinnerung an einen Spaziergang „im“ Roten Fluss (Trockenzeit, Flussbett). Keine schlechte Ausbeute und eine wunderbare Woche, die wie im Flug verging.

Am Ende tauchte dann auch meine zweite neue Mitbewohnerin, Lina, auf, die ebenfalls ein Jahr bleibt.

Die erste Woche Arbeit verging auch schnell. Da es Christophs erste Woche an nun unsere Schule war und ich mich von den zehnten Klassen verabschiedete und den neuen Lehrer, der zwei Meter groß ist und deswegen ohrenbetäubendes Geschrei verursacht, wo auch immer er hingeht, vorstellte.

Außerdem traf ich mich weiterhin mit meiner neuen Freundin, die ich zu Tet kennen gelernt hatte und sie zeigte mit Ecken in Viet Tri, die ich vorher trotz der sechs Monate hier, nicht kannte aber durchaus Potential zu meinen Lieblingsecken haben.

Zum Beispiel die Liebesbrücke, die ihren Namen hat, weil sie zu den wenigen Orten gehört, an denen sich junge Paare ungestört treffen und sogar Händchen halten können, manchmal ist sogar im dunkelsten Schatten ein Kuss drin. Jeglicher Kontakt bei Tageslicht und dann auch noch in der Öffentlichkeit ist hier alles andere als üblich, deswegen gibt es nur ein paar Gelegenheiten, ungestört vor den vor allem erwachsenen Augen zu sein.

Eine weitere ist die Nguyen That Than Straße, die sich den Status durch die vielen Bäume am Straßenrand verdient hat, die einen guten Sichtschutz bilden. Spitzname dieser Straße, wie kann es anders sein, „Liebesstraße“.

Beschreibeung eines Vietnamesen: „The young couple meet here to… talk.“

Ist halt auch schwer, sich zu Hause zu unterhalten, wenn viele Jugendliche kein eigenes Zimmer haben…. Trotzdem bin ich mal gespannt, ob im neuen Jahr eine Vietnamesin da Wort „küssen“ ohne Kicheranfall über die Lippen bekommt.

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Responses

  1. Vielleicht grezt es an westeuropäischer Einfältigkeit, wenn ich dir jetzt schreibe: so viel wie du fortwährend kennen lernst musst du in einem dir inzwischen nicht mehr ganz so fremden Land die letzten paar Monate ja mächtig Langeweile schieben 😉
    Aber imemerhin kennst du jetzt die Ecken, die besprochenem Projekt dienlich sein könnten. Die Zeit läuft.
    A propos: Welcher Jahreswechsel war denn nun für dich der eigentliche – derjenige, den du in Bangkok oder in Viet Tri verlebt hast? Du beschreibst ersteren als enttäuschend, letzteren immerhin als „unterhaltsam“. Fehlt es dir nur am Countdown?
    Ich hoffe, dass es das Einzige bleibt, an dem es dir dort mangelt. Eine herzliche Geburtstagsfeier musstest du ja auch nicht vermissen – ich hoffe, du bist gut im neuen Lebensjahr angekommen. Gesund siehst du auf den Fotos ja aus, glücklich auch. Ich kann dir also nur weiterhin eine schöne Zeit in Viet Nam wünschen, und das mache ich aus ganzem Herzen.
    Nochmal die Frage neu gestellt: Welcher der (inzwischen drei) Jahreswechsel war denn nun für dich… ?

    Liebe Julia,
    alles Gute. Mensch denkt an dich 😉

    Bernd


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