Verfasst von: juliagoesweltwaerts | März 30, 2010

Hier spielt die Musik

Der März sah in meinem Kopf so aus: Der letzte Monat, den ich ohne Urlaub durcharbeiten würde, nichts war geplant, deswegen lag die Vorhersage auch bei unspäktakulär.

Bin ich nicht schon lange genug hier, um zu wissen, dass mit nichts los nicht viel los ist?

Donnerstagnachmittag, ich laufe mit meinem kaputten Fahrrad vom SOS-Kinderdorf nach Hause. „Hallo!“ Ja, danke ich weiß, hallo…. „Wie geht es dir? Wo kommst her? Wie heißt du?“ Okay, Moment, das war nicht nur flüssiges Deutsch sondern ein bayrischer Akzent. Ich dreh mich um und erblicke- einen Vietnamesen auf einem Motorrad.

Diep wohnt seit 10 Jahren in München, ist in Viet Nam geboren und gerade auf Familienbesuch hier. Wir verabreden uns für später.

Freitagnachmittag und Lina, Christoph und ich sind auf dem Weg nach Hoa Binh. Diep ist kein „richtiger“ Vietnamese, wie er uns den Abend vorher aufklärte, sondern Muong, anghöriger einer der Bergstämme, von denen es einige nicht nur in Viet Nam, sondern auch in Laos, Kambodscha und Thailand gibt. Weil wir total fasziniert davon waren, mehr von dieser anderen Kultur zu erfahren, lud uns Diep kurzentschlossen übers Wochenende in sein Dorf nach Hoa Binh (100km südlich von Ha Noi) ein.

Nachdem wir auf dem Weg zu seiner Familie an der größten Ho Chi Minh Statue in Viet Nam vorbei gefahren sind, die auch durch ihre Beleuchtung und ihre Position auf einem Berg schon Kilometer vorher zu sehen war, kamen wir spät abends in der vielleicht 200 Seelen-Gemeinde an.

Dort schliefen wir in einem traditionellen aber neu gebauten Pfahlhaus, alle in einem großen Raum, die Dusche draußen und ohne Tür und Dach, weswegen mensch besser nur abends im Dunkeln duschen sollte.

Wir erklommen Berge, die uns eine wunderbare Sicht ueber die Landschaft ermöglichten, kletterten mit Kerzen in der Hand in Höhlen umher, in denen uns jede Sicht fehlte, aßen zur Stärkung frisch vom Baum gepflückte Kokosnüsse und knabberten an Zimt, den wir am Wegesrand mit nahmen.

Natur pur- fast alles, was am Rand der unbefestigten Wege wuchs, konnten wir essen.

Neben Essen durften wir natürlich auch Trinken- die Muongspezialität ist ein großes Tongefäß mit gegorenem Reis, auf den Wasser gekippt wird und aus dem 10 Strohhalme ragen, zu der je einE TrinkerIn gehört. Sehr gesellig also, zu zehnt um den ruou can zu sitzen und ein Horn (Nachfüllinstrument für das Wasser) nach dem anderen zu trinken.

Genauso gesellig wie der Tanz der Muongfrauen, den wir auch ausprobieren durften und beim Springen über die Bambusstangen kläglich versagten.

Versagt habe ich auch zurück in Viet Tri, als Trang (meine liebste vietnamesische Freundin, die aus Viet Tri kommt, aber seit 4 Jahren in Ha Noi wohnt) mich mit zum Aerobic um die Ecke von meiner Schule nahm.

Alle Frauen, die dort in Hotpants und Bikinioberteil vor sich hin schwitzten schienen die Übungen jeden Tag zu machen und hatten dementsprechend keine Probleme. Ich hingegen kam gar nicht hinterher.

Co Loan von meiner Schule hat es sich trotzdem nicht nehmen lassen, mich zu überreden, noch einmal hinzugehen und mit Line (neue dänische Freiwillige) im Schlepptau, die in Dänemark Sportlehrerin ist und deshalb auch ziemlich fit, ging es beim zweiten Mal schon viel besser, auch wenn mich das 8jährige Mädchen im Kurs ständig in meinem Hüftschwung verbessern wollte.

Trang war ein ganzes Wochenende zu Besuch in Viet Tri, so dass wir uns sportlich noch mehr betätigten als beim Aerobic. Ab auf unsere frisch reparierten und trotzdem dauerhaft kaputten Fahhräder und 10km später waren wir nicht mehr in Viet Tri, dafür in einer großen Pagode am Fluss, die den Seeleuten gewidmet ist. Da gerade nach dem Mondkalender Beginn des neuen Monats war, war die Pagode voll von Menschen, die ihre Gaben, also Obst, Alkohol, Geld, Süßigkeiten, den Ahnen darbieten wollten. Wir beteten für Glück und Gesundheit und danach ging es wieder auf die Fahrräder und zur nächsten Pagode, in der, als wir ankamen, die Seniorengruppe im Tai Chi zu Gange war. Wir zündeten Raucherstäbchen an, deren Duft ich unglaublich gern mag, und schlossen uns danach der Sportgruppe an, bevor wir uns auf den Rückweg machten.

Schon einen Tag vorher hatten Lina und ich uns auf die Fahrräder gesetzt und waren einfach drauf losgefahren, was uns nach 10 Minuten mitten aufs Land brachte und auch wieder zu einem Tempel. Jenes Mal begrüßten uns die Mönche persönlich, luden uns zum Tee und brachten uns bei, wie mensch richtig betet.

Die Abende der beiden Tage war auch viel los. Am ersten Abend hatte uns Co Nhung von Linas Schule zu einem Konzert im Stadion von Viet Tri eingeladen, das überall in der Stadt auf Plakaten angepriesen wurde. Uns wurde gesagt, die SängerInnen an diesem Abend wären berühmte vietnamesische KünstlerInnen.

Allerdings wurden alle unsere Erwartungen untertroffen. Das Stadion war vielleicht zu einem Achtel gefüllt und alle saßen ganz brav auf ihren Plätzen.

Mitgesungen und geklatscht wurde nicht. Doch Lina und ich hatten trotzdem unseren Spaß, als ein Sänger mit neongelber Jacke und Glitzerhose auf die Bühne kam und später auch noch anfing, zu blinken. Und der darauf folgende Sänger trat ganz in knallrot auf.

Wie gesagt, wir hatten unseren Spaß, im Gegensatz zu Linas Lehrerin, der das Konzert überhaupt nicht gefallen hat.

Dafür übertraf der Abend danach unsere Erwartungen. Lina, Trang und ich machten uns auf den Weg zu Phuongs Schule, an der an dem Abend eine Werbeveranstaltung für eine Uni in Ha Noi statt fand. Die ganzen StudentInnen verbreiteten eine großartige Stimmung, in dem sie durch den ganzen Saal tanzten, auf der Bühne wurde erstklassiger Breakdance getanzt, so dass alle Mädchen nicht mehr aufhören konnten zu kreischen und letztendlich entdeckten wir noch einen anderen Tay, der von seiner Firma aus da war, die die ganze Veranstaltung sponsorte und mit dem wir uns unterhielten. Dann ab auf die Bühne zum Spiel mit Luftballonszerplatzen und der Spaß war zu Ende.

Zumindest für dieses Mal denn wenige Tage später fand in Phuongs Schule, die beste und bekannteste in Viet Tri, eine Mr. Und Ms.-Wahl statt, zu der mich meine Schülerinnen mitnahmen. Smoking, Fracks, bodenlange Ballkleider neben Ao Dais- die Mädchen und Jungs hatten sich mächtig Mühe gegeben. Eine nach dem anderen stolzierten sie auf der mit Herzluftballons geschmückten Bühne auf und ab, warfen Handküsse zu, was wiederum Kreischwellen auslöste. Wenn VietnamesInnen eins beherrschen, dann den Kitsch.

Die Wahl war Teil des Programms zum alljährlichen Tag der vietnamesischen Jugendunion, der nationalen FDJ quasi (hier tragen auch alle blaue Hemden).

An der Schule der Mädchen des SOS-Kinderdorfes und am Medizin-College wurde dieser Tag mit Camping gefeiert. Camping auf vietnamesisch. Das hieß, jede Klasse baut ein Zelt auf, schmückt es mit Blumen, Papiervögeln, Ho Chi Minh Bildern und allem, was das Herz begehrt, und das schönste Zelt gewinnt einen Preis.

Im College wurde die Aktion noch mit einem nächtlichen Lagerfeuer gekrönt, um das alle im Kreis voll Freude herumrannten, Hand in Hand.

An meiner Schule gab es „nur“ eine zweistündige Show, allerdings mit Modenschau aus Müll, Boyband inklusive Gitarre (das Kreischbarometer stieg nach oben. Christoph merkte an, wie vietnamesisch ich sei, weil ich gnadenlos mitkreischte) und einer Salsagruppe.

Die große Gruppe von ReferendarInnen, die derzeit bei uns ihr Unwesen treiben, sangen auch ihr Lied. 6 EnglischreferendarInnen sind dabei und das erste Mal, als sie bei mir im Unterricht drin saßen, um etwas zu lernen, hätte ich am liebsten gelacht, denn es ist glaub ich keine gute Idee, von einer nichtausgebildeten Lehrerin, die alles halt so macht, wie es ihr in den Sinn kommt, zu lernen. Aber Co Yen hatte ihnen das vorher schon gesagt, so dass sie sich von mir hoffentlich nicht zu viel abgucken. Außer vielleicht dass mensch auch mal Aufgaben machen kann, die nicht im Schulbuch sind.

Denn das Schulbuch hört nicht auf, lustig zu sein, im Gegenteil, es wir immer besser.

In der Unit zum Thema Filme heißt es zum Beispiel „Liebesfilme sind wegen der Sexszenen nicht für junge Leute, sondern nur für Erwachsene geeignet.“

Oder: Die Menschen in New York sind freundlich und aufgeschlossen, in London distanziert und reserviert.

Genauso verrückt wie das Schulbuch ist auch das Statussymbol in Viet Nam- womit ich nicht sagen möchte, dass Autos, Schmuck,… es nicht auch sind und nicht genauso verrückt.

Jedenfalls, zurück zum Thema: Bonsaibäume. Bei uns im Hof stehen drei Bonsaibäume, denen ich nie viel Beachtung geschenkt habe, außer als Ablagefläche für altes Brot, dass sich dann die Nachbarin für ihre Schweine abholt. Das werde ich ab jetzt sein lassen, denn Thoa erzählte nebenbei, dass ein Baum umgerechnet 12.000 Euro wert ist. 36.000 Euro bei uns im Hof, nicht schlecht. Die Bäume gehören Mr. Minh, dem Vizechef vom SOS-Kinderdorf, dem auch das Haus gehört, in dem wir wohnen. Im SOS-Kinderdorf war anscheinend kein Platz mehr für sie, da stehen nämlich schon 20-30 Bäume.

So war auch die Hochzeit von Mr. Minhs Sohn ziemlich groß, sogar wir Freiwilligen waren eingeladen. Statt dem üblichen Reiswein gab es Whiskey und pünktlich um 12 waren Christoph, Lina und ich lustig drauf. So viele Menschen wollten noch nie mit uns anstoßen und Christoph musste schließlich von Tisch zu Tisch gehen, um überall einmal zuzuprosten.

Und dann stand schon wieder das nächste Konzert an. Hien, eine meiner Schülerinnen, ist, wie die meisten Mädchen hier, ein unglaublicher Fan der koreanischen Popband SuperJunior. Und Super Junior kam nach Ha Noi für ein Konzert. Und Hiens Eltern erlaubten ihr nicht hinzufahren. Es sei denn, ich käme mit und passte auf sie auf. Und eh ich mich versah, war es Tatsache, dass ich als Babysitterin und neuerdings Fan von SuJu nach Ha Noi fahren würde. Ich freute mich schon riesig: Endlich wieder ein Konzert und wir würden bei Trang schlafen. Hien Eltern fuhren uns Freitagnachmittag mit dem Auto nach Ha Noi und luden uns bei Trang ab. Trang wohnt in einer typischen Ha Noier Studenten-WG: Ein Zimmer, ein Bett, drei Mädchen. Trotzdem machten sie Platz für mich, Hien und später noch Sissi.

Die Wohnung ist ein einer wunderschönen Gegend, in der ich das erste Mal war- ohne Touristen, dafür mit Uni, Tempel und ganz vielen kleinen Läden in genauso kleinen Gassen. Nach sieben Monaten hatte ich das Gefühl, das wahre Ha Noi zu sehen. Warum musste das so lange dauern…?

Ganz der große Bruder schleifte Trung seine kleine Schwester Hien am Samstagvormittag noch in zwei Tempel und ein Museum bevor wir sie bei ihrem SuJu Fanclub absetzten, die vor dem Hotel auf ihre Idole warteten und dann zusammen in Bussen zum Konzert fuhren.

Ich sah Hien erst abends im Stadion wieder, das diesmal zur Hälfte gefüllt war.

Wie sich dann herausstellte, war es kein reines SuJuKonzert, sondern ein Benefizkonzert von MTV, um auf Menschenhandel ausmerksam zu machen. Bevor die 13 Jungs aus Korea endlich die Bühne betraten, sahen wir einige Reden und vietnamesische sowie eine australische Band. Während der ganzen Zeit saßen alle, auch unten auf der Rasenfläche.

Doch dann war es soweit, Super Junior betrat die Bühne. Alle sprangen auf, rannten nach vorne und die Konzertstimmung war da. Springen, singen, klatschen, schreien und nach vier Liedern war alles schon wieder vorbei. SuJu verschwand schneller von der Bühne als die Fans „sorry, sorry, sorry“ (DER Hit von SuJu) singen konnten, stiegen in ihr Auto und weg waren sie. Ziemlich viel Aufwand für vier Lieder… dachte ich vor allem, als uns Hien ihre neue Fanclubfreundin vorstellte, die aus Ho Chi Minh City angereist war.

Nach dem Konzert war es zu spät, um in Trangs Wohnung zurückzufahren, das Haus wird um halb zwölf abgeschlossen, also machten wir uns auf den Weg zum Haus ihrer Freundin und ich staunte nicht schlecht, als wir dort ankamen. Ihre Freundin hat reiche Eltern, sie haben ihrer Tochter zum Studieren ihr eigenes Haus mit 4 Schlafzimmern in der Nähe der Uni gekauft. Wir schliefen also jeder im Bett, diesmal musste niemand auf dem Fußboden schlafen und am nächsten Morgen ging es zurück zu Trangs Wohnung und dann schließlich nach Viet Tri, wo ich Hien, ziemlich grün im Gesicht vom Busfahren, bei ihrer Familie ablieferte.

Das war also der März und der April steht vor der Tür. Der April, in dem ich Besuch aus Deutschland bekommen werde. Davon erzähl ich euch das nächste Mal.

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