Verfasst von: juliagoesweltwaerts | Mai 9, 2010

Im!

Eigentlich will ich nicht dran denken, jedenfalls antworte ich jedem, der mich gelegentlich drauf hinweist, dass ich ja gar nicht mehr so lange hier bin, mit „Im!“ (vietnamesisch für Halt die Klappe).

Doch es half alles nichts, der Anfang begann für mich mit dem Abschied von meinen Klassen in der High School. Prüfungen, Sommerferien, ich geh zurück, alles Gründe, warum ich meine letzten Stunden als Co Julia hinter mir hab. Und was ich am Anfang nie gedacht hätte: Ich bin traurig. Ich vermiss die Klassen schon jetzt, egal ob Streber- oder Partyklasse. Alles Gerede, alles Rumgeschreie wurde in der letzten gemeinsamen Stunde verziehen.

 

Wie die Zeit vergeht, sehe ich vor allem an Thoas Bauch. Während wir am Anfang gezweifelt haben, ob mensch ihr überhaupt je ansehen würde, dass sie schwanger ist, zeichnen sich mittlerweile sogar unter den weiten T-Shirts Rundungen ab. Es ist… krass, ein Glücksfall, lehrreich, Thoa die ganze Zeit bei ihrer Schwangerschaft zu begleiten.  Von „I want to wait to have a baby two more years“ bis zum ersten morgendlichen Kotzen, zum ersten Ultraschallfoto und, wenn ich Glück habe, bis zu letzt zur Geburt. Bis es soweit ist, machen die Hormone den Stimmungsschwankungen Beine. Und Musik wird bei uns auch öfter gehört, weil unser zukünftiges kleines Mädchen dann fest zu tritt.

Doch jetzt zum versprochenen Teil: Der Besuch aus Deutschland. Mein Vater, mein Bruder und der Freund meiner Schwester kamen mich für knapp zwei Wochen besuchen. Die Reiseroute lautete Ha Noi, Viet Tri, Ha Long Bucht.

Es ist ein wenig schwierig, ausfuehrlich zu berichten, weil alle drei meinen Blog lesen und ich am Ende noch drei Gegendarstellungen schreiben muss.

Aber ich glaube, es laesst sich unegfaehr so beschreiben:

Ha Noi: erster Schock- Verkehr, Lautstaerke, Dreck, andere Kultur, Gegensaetze arm und reich, mit Staebchen essen ueben und lieber noch ein wenig vorsichtig mit dem sein, was man da isst.

Viet Tri: schon ein wenig weniger Verkehr, ruhige Ecken sind vorhanden, ueberfordert mit dem Kennenlernen meiner Freunde, schon ein bisschen mehr Essen wagen und eine ganz besondere vietnamesische Aktivitaet. Der Grund, warum auch Vietnamesen in Ha Noi Viet Tri kennen- das Den Hung Festival. Den Hung ist eine Tempelanlage auf einem Berg, der an der Stelle sein soll, wo die erste Hauptstadt Vietnams Van Lang gegruendet wurde und mit der die Aera der Hung Koenige begann. Jedes Jahr im Fruehling pilgern Vietnamesen aus dem ganzen Land nach Viet Tri, um den Gruendern ihre Ehre zu erweisen. Diesmal darunter auch 4 Deutsche. Man sollte meinen, es ist einfach, in einer Masse von tausenden Vietnamesen, die sich koerperaneinanderreibend die Stufen zu den Tempeln hochschieben, unterzugehen.

Keine Chance. Vor allem nicht, wenn man drei Klassen trifft, die mensch unterrichtet und die alle total fasziniert sind, meinen Papa zu sehen. 1 1/ Stunden spaeter haben wir es tatsaechlich geschafft, jetzt nur noch zurueck durch die Xe Om Fahrer kaempfen, die an einem kleben wie Sekundenkleber. Auf ins Auto zu meinem Lieblingstaxifahrer (ganz bestimmt ohne Abzocken) und die Tasche fuer die Weiterreise packen.

Ha Long Bay: Urlaub! Auf alle Faelle fuer mich. Weil hier mein Wissensbereich aufhoert und ich auch zum ersten Mal auf Cat Ba bin, hab ich ein bisschen weniger Verantwortung. Natuerlich bin ich immer noch die, die Englisch und Vietnamesisch spricht, aber da jedeR auch mal was auf eigene Faust macht, geht´s fuer mich zum Enstpannen zum Spazieren, zur Massage, zum Klebreis essen- den besten, den ich bis jetzt gegessen habe! Nur allein deswegen will ich wieder nach Cat Ba.

Obwohl die Natur auch wunderschoen ist. Die aus dem Wasser ragenden Kalksteinformationen sind nicht ohne Grund weltberuemt… wer jedoch weltberuehmt ist, zieht auch dementsprechend viele Touristen an. Wobei es auf Cat Ba mehr vietnamesische als westliche Touristen gibt. Und einen Vorteil haben Touristernstaedte noch: Wenn du anfaengst, vietnamesisch zu sprechen, klappt den Vietnamesen buchstaeblich der Mund auf.

Kinder auf der Straße: We want money, money, money! Ich auf vietnamesisch: Ich hab kein Geld. Ergebnis: offene Muender und Ruhe.

 

Das tolle an dem Besuch an Deutschland war nicht nur, dass jetzt wenigstens drei Leute verstehen, wovon ich rede, sondern auch, dass mir viele tolle Sachen mitgebracht wurden.

Unter anderem ein Twisterspiel fuer die Kinder im SOS-Kinderdorf. Danke Franziska!

Fuer mich geht es schon wieder auf Visareise, drei Monate um seit meinem letzten Bangkokbesuch. Diesmal verschlaegt es Milli, Sissi und mich nach Singapur, woich gerade voellig fertig mit dieser Stadt auf meinem Bett in der Jugendherberge hocke. Warum ich zuerst dachte, ich sei in Berlin und wir Angst vorm UeberdieStraßeGehen haben, werdet ihr naechstes Mal erfahren.

Um die Wartezeit auf den naechsten Eintrag zu ueberbruecken, solltet ihr Christophs Blog (Link rechts) lesen. Wunderbar geschrieben mit Rechtschreibkorrektur von Lina und mir.

Eine kleine Leseprobe hier:

Scheiß Globalisierung

Alles ist ruhig es ist halb elf abends also eine Zeit zu der normale Leute schon seit einer halben Stunde friedlich schlummernd an ihren Matratzen horchen. So auch Julia und Lina, ich sitze noch in meinem Zimmer und lese, muss ja morgen erst um 10 in die schule.

Unten auf der Straße hört man einen Motorroller vorfahren und kurz darauf jemanden am Metalltor rütteln. Ich mache mich auf meinen Weg nach unten und höre schon ein Mädchen nach Julia rufen. Die mir zusammen mit Lina jetzt auch schon dicht auf den Fersen ist.

Unten vor dem Tor steht Linh und hinter ihr ihr Onkel auf seinem Roller. Sie erklärt, dass ihr Onkel einen neuen Job hat und morgen etwas zusammen bauen muss dessen Betriebsanleitung allerdings auf englisch ist und ob ich nicht mitkommen wollte um bei der Übersetzung zu helfen.

Ich hab mir also Schuhe und Julias Wörterbuch geschnappt, sehr zur Freude der Nachbarn die Minsk angeheizt und bin mit zu Linhs Haus gefahren.

Dort saßen ihr Vater und noch irgendein Mann schon vor einem Haufen Einzelteile auf dem Wohnzimmertisch. Ich bekomme eine Bauanleitung die wahlweise auf englisch und französisch zuhaben ist und sich einer Bauanleitung gemäß auf Fachbegriffe beschränkt, die ich genauso wenig verstehe wie die Vietnamesen. Mir bleibt schließlich nichts anders übrig als Tante Google zu diesem Thema zu befragen.

Während ich also auf dem Bett, in dem Linhs Mutter bereits schläft sitzend die Seriennummern und Typenbezeichnungen der verschiedenen Teile aus dem Haufen in die Suchmaschine einhacke, werden mir 2 Dinge klar. Zum einen, dass es sich bei den am folgenden Tag zu erstellenden Bauelementen um Verbindungsstücke für Starkstromkabel handelt, die mit einigen selbst verschweißenden hightech Isolierbändern und mehreren verschiedenen Kunstharzen für ihren Offshoreeinsatz gerüstet werden sollen. Zum anderen aber auch, dass ich hier zum ersten mal direkt und live die Möglichkeit habe den Kapitalismus von der anderen Seite kennenzulernen, was ja zum teil auch ein Grund für meine „Zivildienstortswahl“ war. Jetzt habe ich den Beweis vor mir liegen. Es ist für große europäische ( in diesem Fall englische ) Unternehmen billiger die bei sich ( hier neben England Frankreich und Deutschland ) gefertigten hochqualitativen Einzelteile in ein 200 000 Einwohnernest in Vietnam zu schippern, sie dort von einem Arbeiter, der keinerlei Bezug zu und meistens auch nicht die nötige Ahnung von der Materie hat, zusammenstöpseln zu lassen und das Endfabrikat dann in Europa wieder teuer zu verkaufen.

Über diesen Umstand rege ich mich noch auf nach dem ich mit Linhs Onkel und seinem Kollegen 2 Bier auf ex gezischt habe und mich die Minsk schon wieder heimwärts donnert. Um 1 Uhr nachts! Der Kapitalismus schläft eben einfach nicht.

 

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Responses

  1. Ich muss bernds kommentar vom letzten bericht zustimmen. einfach super wie du hier alles beschreibst und uns mitleben lässt. da möchte man auch gleich nach vietnam kommen^^
    traurig finde ich es trotzdem, dass du kaum heimweh hast. vermisst du berlin denn gar nicht? vor allem mich?:P

    • doch, du bist die ausnahme 🙂
      im moment vermiss ich ehrlich gesagt die deutschen temperaturen… ein schritt in die sonne und du bist gegrillt…


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