Verfasst von: juliagoesweltwaerts | Juni 19, 2010

Szenen

  • Christoph, Lina und ich liegen auf der Matratze auf dem Fußboden. Schon den ganzen Tag. Wir starren an die Decke auf den sich nicht bewegenden Ventilator. Wir wiederholen regelmäßig „Kein Strom“, „Kein Strom“, „Kein Strom“. Wahlweise auch „mir ist soooo heiß, ich will nicht mehr“.

 

  • Was ist die Steigerung von noisy?- hanoisy
  • Was ist die Steigerung von annoying? Hanoing

 

  • In den Vororten von Ha Noi. Wir sind bei Christophs Freunden aus der Motorradwerkstatt, kommen gerad von einer Fahrstunde in Sachen Gangschaltung zurück. Müssen nur noch über eine der von Millionen befahrenen Hauptstrassen Ha Nois. Da halten zwei Taxis neben uns. 10 maskierte Männer mit Schwertern brechen aus den Autos aus, rennen mitten zur Rush Hour über die Strasse in das kleine Cafe gegenüber. Einige Sekunden später zwängen sie sich wieder in die Taxis, die neben uns warten, reißen sich die Masken vom Gesicht. Einer lächelt uns winkend zu. Die Schwerter sind rot. Eine Überquerung der Straße später wird ein Mann aus dem Cafe getragen. Eine rote Flüssigkeit bedeckt seinen Körper. Ein Schlitz vorne im T-Shirt, auf der selben Höhe einer hinten. Er wird zwischen zwei Freunde aufs Motorrad gesetzt. Noch ist er bei Bewusstsein.

 

  • Sommer in Viet Nam ist, wenn der Strom alle 3, 4 Tage abgestellt wird, weil es nicht genug Strom fuer alle Ventialoren im Land gibt. Sommer in Viet Nam ist, wenn du dich im Badezimmer nie alleine fühlat: Frösche, Fliegen, Mücken, Spinnen, Schnecken, Kakerlaken. Sommer in Viet Nam ist, wenn du mit Duschen fertig bist und denkst: Hey, ich bin immer noch nass. Ach nee, da ist Schweiß. Sommer in Viet Nam ist, wenn der Mittagsschlaf von bis 13.30 auf 15 uhr ausgedehnt wird, weil es einfach zu warm ist, etwas anderes zu tun als rumzuliegen.. Sommer in Viet Nam ist, wenn du Liter um Liter trinkst und trotzdem nie aufs Klo musst. Sommer in Viet Nam ist, wenn es plötzlich anfängt zu regnen und plötzlich wieder aufhört, plötzlich anfängt zu regnen, plötzlich wieder aufhört, plötzlich anfängt zu…

 

  • Christoph kommt fertig abends in Ha Noi an: Mein Radlager von meinem Hinterrad meiner Minsk ist gebrochen. Wir gehen tanzen, auf dem Rückweg. Knack. Johannes: Mein Radlager von meinem Hinterrad meiner Minsk ist gebrochen. Am nächsten Abend, wieder auf dem Rückweg vom Weggehen, zisch…. Vivian: Nein, mein Reifen hat ein Loch…

 

  • Um die zehn ausdruckslos schauende Menschen tragen große Koffer die Treppe in unserem Haus hoch. Das neue Workcamp ist da.

 

  • Karaokesingen fertig, auf dem Weg zum Mitternachtsimbiss. Zwei Leute im Taxi, der Rest auf dem Motorrad auf den menschenleeren Straßen. Nur leider nicht alle mit Helm. Auf einmal überholen uns Menschen in grün. Polizei. Anhalten, die Leute ohne Helm verschwinden schnell im Taxi. Der Rest unterhält sich mit der Polizei. Hand schütteln, lächeln, weiterfahren.

 

  • Eine SMS von Ngan, meiner Schülerin. Morgen wird sie 17. DU bist herzlich eingeladen zu meiner Geburtstagsparty morgen 8 a.m.

 

  • Lina, Christoph und ich unterhalten uns. Christoph: „Das tät ich schon gern können“. Lina „Du weißt schon, dass da was falsch ist oder?“ Christoph erzählt irgendwas, Lina „Das stimmt doch gar nicht!“ Das erste, was das Workcampmädchen aus Hong Kong auf Deutsch lernt, um mit Christoph zu kommunizieren: Du übertreibst! Immer auf die Großen.

 

  • Es ist echt super, wenn mensch Rechtschreibfehler in SMS von Vietnamesen afu vietnamesisch entdeckt. Oder beim Karaoke endlich vietnamesische Lieder singen kann. Oder sich mit vietnamesischen Freundne trifft, die wirklich nur vietnamesisch können.

 

  • Ich darf Thoas Bauch anfassen, da tritt mich was von drinnen.

 

  • Tim lai- hunderte Vietnamesen springen, schreien. Ich reiß Trang aus Versehen in die Höhe, weil meine Hand in ihrer ist und sie kleiner ist als ich, was ich nicht bedenke, als ich meine Hände zum Himmel hebe. Doch das ist egal. Wir singen einfach nur mit: Tim lai, di hay, tim lai, trong moi nguoi… Sissi: „Hey, hier gibts richtige Rockmusik, jetzt haben wir gar keinen Grund mehr, nach Deutschland zurückzugehen.“

 

  • Sissi und ich sitzen beim Frühstück in Ha Noi und überlegen: Wenn wir zum Nachbreitungsseminar zurückmüssen, können wir Anfang Oktober wieder zurückfliegen. Dann arbeitet Sissi in Ha Noi für 27 Dollar pro Stunde als Englischlehrerin, ich begnüge mich mit 15 in Viet Tri, sehe zu, dass ich nur vormittags arbeite, damit ich nachmittags im Büro vom SOS-Kinderdorf arbeiten kann. Dann kauf ich hier ein kleines Häuschen, in das ich dann mit Thoa einziehe, so dass ich mich in meiner Freizeit noch um ihre Tochter kümmern kann. Mein vietnamesisch wird dann natürlich perfekt und die Leugte würden sich vielleicht endlich an mich gewöhnen. Und wir könnten die Gesichter unserer Freunde genießen, wenn wir ihnen erzählen, dass wir in zwei Monaten schon wieder kommen und erstmal hier bleiben. Warum eigentlich nicht?

 

  • Nach unserer ersten Stunde für die Arbeiter in der Papierfabrik: O macht das Spaß die zu unterrichten! Die wollen sogar a lernen!

 

  • Im Bus von Ha Noi nach Viet Tri- bin wohl schonmal mit dem selben Bus gefahren, jedenfalls begrüßt mich der Fahrkartenverkäufer mit „Hello co giao!“ (= Hello teacher). Gegen Ende der Reise beginnt sich ein Fahrgast mit mir auf sehr gebrochenem Englisch zu unterhalten, er gibt sich echt Mühe. Dann fragt mich der Fahrkartenverkäufer: „Co giao da lam gi o Ha Noi?“ (Was hast du in Ha Noi gemacht?) Als ich antworte, der bemühte Fahrgast: Oi gioi, em noi duoc tieng Viet! (oh mein gott, du sprichst ja vietnamesisch).

 

  • Fussball schauen wir hier natuerlich auch, trotz Spielen um 1.30 Uhr nachts.

 

  • Ein 18-jähriger Schüler, den ich erst seit einer Woche unterrichte, aber wegen seiner wissbegierigen und herzlichen Art von Anfang mochte, erzählt mir, dass er einen Gehirntumor und voraussichtlich nur noch einige Monate zu leben hat. Naechstes Jahr wird er zur Operation nach Singapur fliegen, vorher arbeitet er 10 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, um sich den Flug und Teile der Operation, die die Verischerung nicht gezahöt, bezahlen zu koennen, und um seine Eltern zu unterstuetzen. Nach den 10 Stunden Arbeit lernt er Englisch, um sich in Singapur verstaendigen zu koennen.Ich wuerde ihm gerne ersparen, dass er durch die ganze Arbeit nich merh geschwaecht wird und vor allem, dass sich die Operation wegen Geldmangel noch bis ins naechste Jahr zieht.

Deswegen nutze ich an dieser Stelle meinen Blog zur Abwechslung mal fuer etwas vernuenftiges. Es waere grossartig, wenn ihr etwas spenden koenntet. Hin- und Rueckflug nach Singapur kosten von Ha Noi aus fuer uns „nur“ 150 Euro.

Im Durchschnitt lesen 20 Personen pro Tag meinen Blog, wenn jeder von euch nur 10 Euro dazugeben wuerde, waer der Flug schon voll bezahlt.

Wenn ihr bereit seid, zu helfen (und hier kann ich auch versprechen, dass das Geld ankommt und nicht bei irgendeinem Organisationschef in der Tasche landet), dann meldet euch bitte bei mir: jean.king(at)hotmail.de

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Responses

  1. Hanoisy – mega lustig :D. Warum ist das nicht mir eingefallen.
    Das mit den blutigen Schwertern ist wirklich so passiert? Das will irgendwie nicht so recht in mein Vietnambild passen. Bezahlte Schläger mag es überall in der Welt geben, aber maskierte Schwertkämpfer? Das find ich schon hart.
    Traurig, aber mein ach so positives Vietnambild ist stark am bröckeln in letzter Zeit. Nichtsdestotrotz bleib ich Viet tri für immer treu 🙂


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