Verfasst von: juliagoesweltwaerts | August 21, 2010

Die Kunst des Fazits

Ich bin nun also wieder in Berlin. Körperlich jedenfalls irgendwie. Geistig bin ich stecken geblieben, vielleicht im Flugzeug über Afghanistan.

Es ist merkwürdig, „Zuhause“ zu sein. Weil „Zuhause“ eigentlich ein vertrauter Ort, den man kennt. Doch genauso, wie alles alt bekannt erscheint –mein Kleiderschrank, der Kühlschrank mit entsprechendem Inhalt, S-Bahnfahren- ist alles gleichzeitig neu und merkwürdig.

Hier hat sich kaum etwas verändert, doch ich hab mich verändert, mein Blickwinkel wirft auf all die Dinge hier ein neues Licht, in dem sie anders erscheinen und die ich mir erst einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen muss.

Meine letzten Wochen in Viet Nam, in Viet Tri und Ha Noi, habe ich damit verbracht, dass ich mich mit meinen Freunden getroffen habe, Besorgungen erledigt habe, quer durch die Stadt zum Essen eingeladen war und wieder und wieder die letzten Tage mit meinen Freunden verbracht habe. Ich hab Thoa und ihr Baby (ja! Es hat sich extra für mich beeilt, ist gesund und natürlich das süßeste Baby der Welt) besucht, hab mit dem betrunkenen Mr. Tinh zu Mittag gegessen, hab dessen Heim besucht, hab für meine Schülerinnen Kartoffelsalat gemacht (lecker, aber so fett), hatte zahlreiche Abschiedsfeiern und wurde zu guter letzt, wie es sich gehört, von meinem Freund auf dem Motorrad zum Flughafen gefahren, wo mich meine beste Freundin tränenreich verabschiedet hat.

Ich musste unzählige Male versprechen, wiederzukommen (was ich auch fest vorhabe), hab mit Tiep, meinem Schüler geklärt, dass er gesund wird (er hat das Geld, ich sein Versprechen).

Und nach all dem sitze ich in meinem Zimmer, betrachte die Fotos, meinen Reishut und meine Abschiedsgeschenke und kann es nicht fassen, wie schnell ein Jahr vergeht und wie schnell ein so wichtiger Teil des Lebens zu Fotos werden können, die man herumreicht und erfolglos versucht den Hiergebliebenen zu erklären.

Im Moment fühl ich mich vietnamesischer als ich mich deutsch fühle, was bestimmt objektiv betrachtet der totale Schwachsinn ist, doch es fällt mir schwer, mich mit den unglücklich und schlechtgelaunten ausschauenden Massen zu identifizieren.

Was mir oder bzw. uns, Milli und Sissi genauso, mit als erstes aufgefallen ist: Deutsche gehen sowohl in die Höhe als auch in die Breite, wirken gehetzt und allein. Die meisten scheinen ihren Weg wohin auch immer allein zu bestreiten, wobei zwischen ihnen und den anderen, die allein unterwegs sind, eine Wand besteht. Selbst wenn man in Viet Nam allein unterwegs war, war man es nicht, weil es immer fremde Leute gab, mit denen man sich unterhalten hat, die sich halb auf deinen Schoß gequetscht haben, um nicht stehen zu müssen.

Es ist leise in Deutschland, kein Gehupe, kein Geschnatter, kein Kindergeschrei, kein Hähnekrähen. Und überhaupt scheint der größte Unterschied darin zu liegen, dass das Leben in Deutschland in den Häuser statt findet, in diesen großen grauen Boxen, in Viet Nam hingegen draußen, auf der Straße, wo man Tee trinkt, einkauft, rumsitzt und den den neusten Tratsch austauscht. Ein weiteres Symbol dafür ist das Motorrad in Viet Nam, das Auto in Deutschland.

Ich glaube, das, was ich gerade erlebe, nennt man Kulturschock und wahrscheinlich dauert es eine Weile, bis ich nicht mehr bei Dingen wie einem Ofen, trinkbarem Leitungswasser, Bügeleisen und Stille schockiert, na ja, überrascht, bin.

Eine weitere Überraschung ist aber auch, wie viel Viet Nam in Berlin steckt- vietnamesische Supermärkte, Restaurants, die Botschaft habe ich schon von weitem begrüßt. Und ab Oktober steht dann auch wieder mehr vietnamesisch auf dem Programm, wenn ich an der HU mein Studium der „Regionalstudien Asien& Afrika“ beginne.

Bis dahin mach ich mich auf die Jagd nach Bun, grünem Tee und dem einfachen Glücklichsein, ohne sich ständig zu beschweren, um die Zeit zu überbrücken, bis ich wieder in Ha Noi mit dem Flugzeug aufsetze und sagen kann „Xin chào, Viet Nam“.

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Responses

  1. Ich hatte richtig viel Spaß mit deinen Artikeln. Danke dafür!


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